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Racism in Football – why Klopp, Guardiola and Sarri are Right and Leonardo Bonucci is Wrong

Published in Theory on 05.04.2019


von TI

Rassismus ist im Fußball keine Seltenheit, sei es in Deutschland,1 in England2 oder in Italien.3 Zuletzt wurden Spieler4 mit schwarzer Hautfarbe immer wieder durch „Neger“-Rufe oder Affenlaute beleidigt. Nach den jüngsten Ereignissen ist es daher erfreulich, dass sich Trainer wie Jürgen Klopp, Pep Guardiola oder Maurizio Sarri ganz klar positionieren und Konsequenzen fordern. So warben alle drei etwa dafür, Spiele abzubrechen oder mit der Mannschaft kollektiv das Spielfeld zu verlassen, wenn es zu rassistischen Beleidigungen gegen einen Spieler auf dem Platz oder von den Stadionrängen komme.5 Auch Massimo Allegri, Trainer von Juventus Turin, forderte, nach den Beleidigungen gegen seinen Spieler Moise Kean beim Gastspiel auf Sardinien gegen Cagliari, die technischen Möglichkeiten endlich voll auszuschöpfen und die Täter mittels Videotechnik ausfindig zu machen und mit lebenslangen Stadionverboten zu belegen.6

Victim Blaming auch im Fußball

Leider gibt es aber auch unter den Spielern und Vereinsverantwortlichen immer noch Menschen, die nicht verstanden haben, was Rassismus ist und wie er funktioniert. Gerade am jüngsten Beispiel um Moise Kean wird dies deutlich. So äußerte sich sein Mitspieler Leonardo Bonucci nach dem Spiel wie folgt: „Ich denke, die Schuld ist 50:50 verteilt. Moise hätte nicht so jubeln sollen und die Curva hätte nicht so reagieren sollen. Wir sind Profis, wir müssen mit gutem Beispiel vorangehen und niemanden provozieren.“ Und auch Cagliari Präsident Tommaso Giulini war der Meinung: „Wenn es rassistische Rufe gab, haben unsere Fans falsch gelegen, aber es ist dann aufgrund des Torjubels passiert und wäre auch passiert, wäre der Torschütze ein Weißer gewesen.“ Und natürlich schlossen sich viele KommentatorInnen im Internet Bonucci und Giulini an.7 Leider scheinen weder Bonucci noch Giulini noch die vielen InternetkommentatorInnen bis heute verstanden zu haben, was Rassismus eigentlich ist und wie er funktioniert.

Natürlich hätte Moise Kean nach seinem Tor nicht zum Jubeln vor die gegnerische Fankurve laufen müssen, was auch sein Trainer Allegri kritisierte. Und unabhängig davon, ob er bereits zuvor rassistisch beleidigt worden ist oder nicht, stellt diese Geste eine Provokation für die AnhängerInnen Cagliaris dar. Natürlich konnte Kean erwarten, dass die Fans diese Provokation annehmen und ihn beleidigen würden. Nur ändert dies überhaupt gar nichts daran, dass es sich bei den Affenlauten gegen Kean, einen Spieler mit schwarzer Hautfarbe, um ein rassistisches Verhalten handelt.

Alle die Kean nun eine Mitschuld an diesem Rassismus geben, wie etwa Bonucci oder Giulini, betreiben so genanntes „Victim blaming“ und legitimieren somit – ob gewollt oder ungewollt – das rassistische Verhalten der Fans.

Für Rassismus braucht es keine Absicht

Ja, Giulini und die vielen InternetkommentatorInnen haben Recht, wenn sie sagen, auch ein Spieler mit weißer Haut wäre von den Fans für seine Provokation beleidigt worden und ja mit einer solchen Reaktion musste Kean wohl auch rechnen. Aber es macht eben einen Unterschied, ob ein Spieler mit weißer Haut als „Arschloch“, „Hurensohn“ oder „Wichser“ beleidigt wird oder ob ein Spieler mit schwarzer Haut als „Neger“ oder mit Affenlauten verunglimpft wird. Denn während die Beleidigungen gegen den Spieler mit weißer Haut sich immer nur gegen den Spieler als Individuum richten,8 richten sich die „Neger“-Rufe oder Affenlaute immer auch gegen das Kollektiv der Menschen mit schwarzer Hautfarbe. Dies hat historische Ursachen. Dass Menschen mit schwarzer Haut als „NegerIn“ oder als „Affen“ beschimpft werden, ist nicht neu, sondern Teil der Kolonialgeschichte und in dieser richteten sich die Beleidigungen nie nur gegen das Individuum, sondern immer auch gegen das Kollektiv. Daran hat sich bis heute nichts geändert.

Wenn nun Menschen versuchen, diese Unterschiede zu verleugnen oder zu verwischen, dann machen sie sich mitschuldig am Fortbestehen des Rassismus in unserer Gesellschaft. Und dafür müssen sie das nicht einmal wollen. Es reicht, dass sie die Auseinandersetzung mit sich selbst, der Geschichte und der Gesellschaft, in der sie leben, scheuen.



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