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"Einige Linke sehen in islamistischen Bewegungen Verbündete gegen den Imperialismus"

Veröffentlicht in Theorie am 21.01.2019


Ein Interview mit Schmalle

ADH: Die Beiträge deines Blogs Schmalle und die Welt werden in den sozialen Medien oft geteilt, und auf Facebook hast du tausende Follower. Eines deiner Kernanliegen besteht darin, islamistisches Gedankengut zu kritisieren und islamistische Strukturen offen zu legen. Warum denkst du, dass das ein wichtiges Anliegen ist?

Schmalle: Der Islamismus bedroht seinem Wesen nach jede freiheitliche Gesellschaft dieser Welt, da er sich allen Andersdenkenden moralisch überlegen fühlt bzw. von einem Gott sogar erwählt sieht. Der Islamismus stellt genauso wie der Faschismus den Anspruch, die eine Wahrheit inne zu haben, was zur logischen Konsequenz hat, dass alle anderen Lebensentwürfe einer sogenannten Lüge oder Unwahrheit unterliegen müssen. An dieses Konzept sind zentral nicht nur antisemitische Verschwörungstheorien gekoppelt, sondern auch eine Kampfansage an die Welt. Denn die eine Wahrheit wird natürlich durch die anderen Lebensentwürfe dauerhaft bedroht, was islamistische Regime dazu veranlasst, ihre Gesellschaften in einen dauernden Ausnahme- und Verteidigungszustand zu versetzen bis zu dem Punkt, an dem man sich stark genug fühlt, um zu expandieren. Was Expansion in diesem Kontext bedeutet, sehen wir zum Beispiel gerade in den kurdischen Gebieten in Nordsyrien, die durch die NATO-Truppen des islamistischen AKP-Regimes regelmäßig überfallen, besetzt und assimiliert werden. Andererseits bietet der Islamismus auch eine Projektionsfläche für nationalistische und rassistische Bewegungen, vor allem in der westlichen Welt. Dadurch, dass viele demokratische und sozialistische Bewegungen und Parteien die Kritik am Islamismus nicht wagen, weil sie meist gar kein fundiertes Wissen zum Thema haben und dann lieber schweigen, entsteht ein inhaltliches Vakuum, das vielen Menschen unter den Fingernägeln brennt, aber oftmals nur durch rechtspopulistische Bewegungen benannt wird, die das Thema allerdings in der Regel für die eigene fremdenfeindliche Ideologie instrumentalisieren. In dieser Debatte ist die Linke oftmals außen vor, was einer Bankrotterklärung der antiklerikalen Bewegung gleich kommt. Diese Schieflage differenziert, emanzipatorisch aber auch scharf zu benennen, ist meiner Meinung nach Teil der Lösung für eine bessere und gerechtere Gesellschaft.

ADH: Linke Kräfte, die sich ja historisch gesehen gegen religiös-fundamentalistische Ideologien und für individuelle Freiheit und Feminismus aussprechen, sind auffällig still, wenn es um den Islamismus geht. Warum ist das deiner Ansicht nach der Fall?

Schmalle: Viele Menschen in der linken Bewegung haben schlichtweg keine Ahnung zu den Themen Islam und Islamismus. Darüber hinaus sind viele der Meinung, dass Diskriminierung, Ausgrenzung aber auch Rassismus nur von sogenannten weißen Kapitalist*innen ausgehen können. Nun haben wir aber in Deutschland sowohl eine große türkische als auch eine große arabische Community, in denen es natürlich wie in jeder anderen Community Rassismus und Diskriminierung, aber auch islamistischen Fundamentalismus gibt, die sich gegen Andersdenkende richten. Warum sollte es diese Probleme dort auch nicht geben? Sind diese Menschen etwa grundlegend anders als der Rest der Menschheit? Ich sage nein! Ein emanzipatorisches interkulturelles Lösungskonzept wird sich irgendwann, gerade auch von linker Seite, eingestehen müssen, dass die deutsche Gesellschaft kein Patent auf Hass hat. Dieser Gedanke trägt übrigens schon ein rassistisches Muster in sich. Natürlich kann man den Rassismus gegen sogenannte Nicht-Weiße auf institutioneller Ebene nicht mit dem Muster einer kleinen Community vergleichen. Hier sollte es meiner Meinung nach aber nicht um Relationen gehen, sondern ums Prinzip. Alles andere macht die linke Bewegung unglaubwürdig an der Basis, und ohne eine Basis wird die Linke jeden Kampf gegen Rechts verlieren.

Andererseits wird man auch anerkennen müssen, dass selbst Linke rassistisch agieren können. Wenn sie eben die Unterdrückung der Frau durch den Islamismus oder den Antisemitismus islamistischer Strukturen nicht genauso oder teilweise gar nicht benennen, legen sie andere Ansprüche an die Menschen. Ahmad Mansour sagte in diesem Kontext, dass einige Linke, Muslim*innen wie Kuscheltiere behandeln, die man vor Kritik beschützen möchte. Das entspricht der neuen Wortschöpfung des sogenannten positiven Rassismus. Das Prinzip bleibt das Gleiche. Während für viele deutsche Nationalist*innen Muslim*innen Wilde und Barbaren sind, gibt es Linke, die Muslim*innen wie Kinder, Kuscheltiere oder Schutzbefohlene behandeln, denen man nicht das zumuten will, was man allen anderen Menschen zumutet. Das könnte man auch als postkolonialistisches Denken beschreiben.

Der entscheidende Grund, warum einige Linke aber über die Verbrechen des Islamismus schweigen, ist die Tatsache, dass sie in islamistischen Bewegungen still und heimlich Verbündete gegen den Imperialismus sehen. Solange man sich gegen die USA verbünden kann, ist jede Schandtat vergessen und verziehen. Dass der Islamismus sich mit als erstes gegen Marxist*innen richtet, haben wir nicht zuletzt im Iran nach 1979 gesehen. Aber auch das ignorieren Teile der Linken.

Photo of a Mosque, by Ali Arif Soydaş on Unsplash

ADH: Viele deiner Beiträge richten sich gegen die Gruppierung marx21. Diese Gruppe, die innerhalb der Linkspartei erheblichen Einfuss besitzt, besitzt Kontakte zur islamistischen Szene und setzt auf die Muslime als revolutionäres Subjekt. Wie sah die Reaktion auf deine Kritik an Marx21 aus?

Schmalle: Marx21 verbindet all die Kritik, die ich bisher geäußert habe, beispielhaft in seinen Strukturen. Unwissenheit, Ignoranz und ein moralisches Überlegenheitsgefühl, das nicht davor zurückschreckt, Andersdenkende systematisch zu diffamieren. Nachdem ich kritisiert hatte, dass marx21 wiederholt sehr problematische Menschen aus dem islamisch ultra-konservativen, teils islamistischen Milieu beim marx is' muss-Kongress eine Bühne geboten hat, um sich als normale und moderate Muslim*innen von nebenan zu verkaufen, wurden sämtliche kritischen Stimmen auf der Facebook-Präsenz von marx21 gelöscht, und die Kritik als Hetze gegen bestimmte Personen und deren Religion öffentlich diffamiert. Ein Skandal. Mit keiner Silbe ging es mir um den Islam an sich. Ich benutze dieses Wort gar nicht, da ich mich auf verschiedene Islamverständnisse berufe. Meine Kritik galt u.a. Aiman Mazyek, der nachweislich in seinem Zentralrat der Muslime (ZMD) islamistische Organisationen duldet. Wir, die Kritiker*innen, wurden von marx21 zensiert, gelöscht und als Hetzer gegen den Islam gebrandmarkt. Das ist ein unhaltbarer Zustand und in meinem Fall eine dreiste Lüge, die ich so nicht im Raum stehen lassen konnte. Ab Januar 2017 begann ich also, das marx21-Netzwerk zu durchleuchten und merkte erst ab da wirklich, wie groß die Gefahr für eine gesamtlinke Bewegung ist.

ADH: Teile des Zentralrats der Ex-Muslime und einige Anhänger der antideutschen Strömung sind der Ansicht, dass der Islam prinzipiell nicht reformierbar sei. Was denkst du darüber?

Schmalle: Ich halte mich in der Regel zurück mit theologischen Antworten, da ich eben kein Theologe bin. Fakt ist aber, dass es in weiten Teilen der islamischen Welt zwei kanonische Quellen gibt: Koran und die Sunna (die überlieferten Handlungsweisen des Propheten). Der Koran lässt sich in die mekkanische und in die medinesische Zeit inhaltlich unterteilen, wobei der Koran an sich nicht chronologisch geschrieben ist.

In der mekkanischen Zeit hatte der Prophet Mohammed keine politische als auch militärische Macht inne. Dementsprechend ist die Sprache hier eher universell. Der Prophet gesteht Andersdenkenden durchaus zu, eine andere Wahrheit oder einen anderen Lebensentwurf für sich inne zu haben. Wichtig ist für den Anfang des Korans auch die Sure, in der sich Gott als universell barmherzig selbst definiert. Prof. Dr. Khorchide liest hier eine Barmherzig für alle (!) Menschen aus den Quellen. Ich schätze Khorchide als selbstkritischen und eloquenten Wissenschaftler. Nachdem Mohammed Mekka verlässt, was die Hidschra genannt wird, baut er in Medina die erste muslimische Gemeinde auf und schafft auch eine Art islamischen Staat, wo er eben nicht nur geistlicher, sondern auch militärischer, juristischer und politischer Führer ist.

Die Frage, die sich hier stellt, ist, ob die Verbindung von Politik und Religion in der Zeit von Medina schon im Ur-Islam angelegt ist. Auffälligerweise ändert sich auch ab da der Ton des Korans, wo Andersdenkende jetzt teilweise auch abgewertet werden. Zwar erhalten jüdische und christliche Menschen einen gewissen Schutz, sie sind aber unterworfen und werden diesbezüglich auch diskriminiert. Die entscheidende Frage, die sich liberale Muslim*innen und Islamist*innen im Streit stellen, ist, ob der Prophet ein zeit- und raumloses Vorbild ist, eine fehlerlose Führerfigur. Wenn man diese Frage bejaht, dann wird man auf Suren und Erzählungen stoßen, in denen Mohammed Andersdenkende gefoltert und getötet hat.

Liberale Muslim*innen setzen diese Situationen in ihren politischen und auch ökonomischen Kontext, wo es eben oftmals nicht um religiöse Fragen ging, sondern um reine Machtpolitik. Wenn ein politischer Führer, der für den Machterhalt gemordet hat, perfektes, zeitloses Vorbild ist, muss es zwangsläufig in einer humanistisch ausgerichteten Gesellschaft zu Reibungen kommen. Ich halte mich hier an die Worte des liberalen Muslims und Islamwissenschaftlers Aladdin Sarhan, der vor einigen Jahren sagte, dass problematische Suren und Erzählungen durch die Gläubigen außer Kraft gesetzt werden müssten, da nicht die Religiosität, sondern die Menschlichkeit im Vordergrund stehen sollte. Mehr kann ich dazu nicht sagen.

A picture of the Qur'an by Ghadeer on Unsplash

ADH: Wirst du auch auf der Arbeit mit islamistischem Gedankengut konfrontiert? Wenn ja, wie reagierst du darauf?

Schmalle: Natürlich bringen einige Menschen aus Ländern, in denen islamistische Strukturen bestehen, auch dementsprechendes Gedankengut mit. Dazu gehört nicht nur islamistisches Gedankengut — es kommen ja auch Menschen, die jesidisch, christlich, selten atheistisch sozialisiert sind. Sie alle kommen aber aus Systemen, die autoritär, patriarchal und homophob ausgerichtet sind. Das lässt sich nicht von der Hand weisen. Dort wird oftmals das Gottesbild auf den Vater oder auch auf den Polizisten oder Richter übertragen. Ein Bild, das nicht hinterfragt werden darf und das keinen Widerspruch duldet.

Wichtig ist hier allerdings, das Individuum differenziert zu sehen. Es gibt Community-Tendenzen, aber allein aus pädagogischer Sicht ist ein Blockdenken kontraproduktiv und birgt immer die Gefahr in sich, rassistisch zu kollektivieren. Ich arbeite mit Geflüchteten. Jede Biografie ist anders, aber man darf nicht vergessen, dass gewisse Sozialisationsmuster durch viele Familien und staatliche Institutionen vermittelt wurden. Meine Arbeit ist gewinnend, nicht belehrend, auch wenn ich durchaus in der Lage bin, klare Grenzen zu setzen, wenn ich die Grundpfeiler der Menschenrechte bedroht sehe. Die Demokratie kann den Faschismus, den Islamismus und jede Diktatur nur besiegen, wenn sie die besseren Argumente liefert. Diese Argumente müssen sowohl das Herz als auch den Verstand berühren. Gewinnend, nicht belehrend!

ADH: Deine Kritik an Ditib, dem Erdogan-Regime und anderen erzreaktionären Gruppierungen und Institutionen wird bei deren AnhängerInnen nicht gerade gute Laune auslösen. Bist du jemals bedroht worden? Wenn ja, wie geht man damit um?

Schmalle: Ich werde regelmäßig bedroht, das ist Teil meiner Arbeit. Manchmal habe ich Angst, in der Regel kann ich aber sehr fokussiert und gewinnend arbeiten. Viele Menschen meines Umfeldes, die einen muslimischen Backround haben, scheinen verstanden zu haben, dass ich nicht ihr Feind bin und schätzen meine Arbeit. Meine größten Widersacher*innen sind keine Muslim*innen, sondern oftmals Linke. Das ist die bittere Realität.

Das Interview führte Dennis Graemer.



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