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What is Folk Politics?

Published in Theory on 11.01.2019


von Sam

Die linke Bewegung leidet an einer gefährlichen Kurzsichtigkeit. Sie konzentriert sich bloß noch auf das, was unmittelbar vor ihr liegt. Die radikale Linke hat ihre großen Ambitionen aus den Augen verloren. So in etwa beschreiben Nick Srnicek & Alex Williams den heute in der Linken vorherrschenden Commonsense. Sie haben auch einen Namen dafür: Sie sprechen von Folk-Politik.

Jede und jeder von uns hat bereits mit Folk-Politik zu tun gehabt oder sie selbst betrieben, ohne es zu wissen. Folk-Politik ist eine Menge aus mehr oder weniger impliziten Annahmen, die unser politisches Handeln und Denken leiten. Sie ist keine bewusst verfolgte Strategie. Dennoch ist Folk-Politik einer der zentralen Gründe für das wiederholte Scheitern der Linken.

Nick Srnicek und Alex Williams definieren Folk-Politik als eine Politik der Unmittelbarkeit:1 eine Art und Weise des politischen Handelns und Denkens, welche das Unmittelbare gegenüber dem Mittelbaren privilegiert.

Zwar muss jede Politik im Unmittelbaren anfangen; mit einzelnen Akteuren, die in ihrem direkten Umfeld an gesellschaftlichem Wandel arbeiten. Doch die Folk-Politik weigert sich, diese Sphäre des Unmittelbaren hinter sich zu lassen. Sie schreckt davor zurück, mittelbar zu werden. Konkret heißt das: Folk-Politik meidet das Abstrakte, das Langfristige und das räumlich Entfernte. Wie Srnicek und Williams schreiben, bevorzugt sie konzeptuelle, zeitliche und räumliche Unmittelbarkeit, also das, was direkt vor unseren Augen liegt.

Folk-Politik bevorzugt begriffliche Unmittelbarkeit

Folk-Politik stellt das Alltägliche über das Strukturelle, den Appell an Gefühle über eine wirkliche Bestandsaufnahme sowie über eine Kritik der Realität.

Es fällt leichter, gierigen Bankern moralisches Versagen vorzuwerfen, als mit kühlem Kopf die Details des kapitalistischen Wirtschaftssystems zu analysieren. Es fällt leichter, gegen den Welthunger zu spenden, als sich Gedanken darüber zu machen, wo dieser Welthunger überhaupt erst herkommt.

Wir werden ständig mit Ungerechtigkeit und Elend konfrontiert. Ständig werden wir aufgefordert, mitzuhelfen, zu spenden oder ethischer zu konsumieren. Innezuhalten und sich zunächst mit der Komplexität der Dinge auseinanderzusetzen wirkt auf den ersten Blick gefühlskalt und unverantwortlich. Aber ist das wirklich so?

Um eine Hungersnot in Äthiopien zu bekämpfen, sammelte Live Aid im Jahr 1985 die beeindruckende Summe von 100 Millionen Dollar an Spendengeldern. Was zunächst wie ein enormer Erfolg aussieht, stellte sich als Katastrophe heraus: Statt die Hungersnot zu besiegen, verlängerten die Spenden letztlich den Bürgerkrieg, der die Hungersnot überhaupt erst ausgelöst hatte.

Dieses Beispiel zeigt auf sehr drastische Art und Weise, was passieren kann, wenn emotionale Appelle und ethische Dringlichkeit zum Ersatz für politische Analysen werden.

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Folk-Politik bevorzugt zeitliche Unmittelbarkeit

Folk-Politik bleibt reaktiv. Ihr politischer Modus ist der Widerstand: Die Initiative geht stets vom politischen Gegner aus. Wir sehen dies deutlich am Beispiel von AfD und CDU/CSU: In ihrer rechtspopulistischen Agitation verschieben sie nach und nach das Overton-Window, d.h. den Rahmen des Denk- und Sagbaren, nach rechts, während die verbliebenen “progressiven” Parteien im Defensivmodus verharren und nicht in der Lage sind, eigene Themen zu setzen.

Folk-Politik erarbeitet keine langfristigen Ziele und Strategien. Sie hat keine wirkliche Hoffnung, dass die Zukunft substantiell anders sein könnte. Folk-Politik reproduziert die politischen Visionen der Vergangenheit, statt neue Visionen zu erarbeiten. In dieser Hinsicht gleichen sich der Jungstalinist, der sich die DDR zurückwünscht, und der betagte Sozialdemokrat, der noch an die Möglichkeit einer Rückkehr zum Keynesianismus glaubt.

Folk-Politik steckt Energie in die Errichtung flüchtiger Räume, in präfigurative Politik2 und kurzlebige autonome Zentren. Folk-Politik setzt ihre Hoffnung in die Spontaneität der Massen indem sie von der plötzlichen und explosionsartigen Kraft des Aufstands träumt, anstatt langfristige und dauerhafte Strukturen sowie Organisationsnetzwerke aufzubauen.

Folk-Politik bevorzugt räumliche Unmittelbarkeit

Folk-Politik versteht das Lokale als das Gute und Authentische. Sie ist misstrauisch gegenüber großen Konzernen und erhofft sich, dass kleine Betriebe und Firmen weniger schädlich für Mensch und Umwelt sind. Das Übel des Kapitalismus, so die Annahme der Folk-Politik, liegt in seiner Größe und nicht seinen marktlogischen Imperativen. Hierbei wird jedoch übersehen, dass gerade kleine Betriebe häufiger gegen staatliche Auflagen verstoßen und schwieriger zu kontrollieren sind.3 Auch sind sie oftmals nicht in der Lage, in umweltschonende und arbeitsreduzierende Technologien zu investieren.4

Folk-Politik fetischisiert Organisationspraktiken, die sich nur schwer skalieren lassen. Sie setzt ausschließlich auf direkte Demokratie und scheut jeden Umweg über die Repräsentation. Statt VertreterInnen zu ernennen, pocht sie auf die direkte Partizipation aller Beteiligten. Doch was zunächst als Empowering und willkommene Abwechslung zu den leeren Ritualen repräsentativer Demokratie wirkt, stößt schnell auf Probleme. Denn auch direkte, partizipative Demokratie kommt nicht ohne Exklusionen aus, wenn auch auf subtilere Weise: Sie ist zeitaufwändig, und gerade Zeit ist eine Ressource, an der es vielen Menschen im Kapitalismus mangelt: Eine alleinerziehende Mutter, die sich und ihre Familie mit zwei Jobs über Wasser hält, kann nicht in dem Ausmaß an den Entscheidungsprozessen teilnehmen, wie ein junger Student aus bürgerlichem Elternhaus.

Die Angst vor gesellschaftlicher Komplexität

Wie wir sehen, lässt sich Folk-Politik nicht einer bestimmten linken Tendenz oder Ideologie anlasten. Folk-politisches Denken findet sich nahezu überall, vom Sozialdemokraten bis zur Anarchistin. Wie konnte es dazu kommen?

Hier lassen sich sicherlich unzählige Gründe nennen, insbesondere die Erfahrungen mit den gescheiterten Projekten des Sowjet-Kommunismus und der europäischen Sozialdemokratie. Aber ein Grund sticht besonders hervor: Die Angst vor Komplexität.

Die Welt ist in den letzten Jahrzehnten zunehmend komplexer geworden. Es wird immer schwieriger, unsere Gegenwart zu steuern. Einfache Lösungen gelten nicht länger und der Glaube an die sogenannten großen Erzählungen ist in der Postmoderne verloren gegangen. Es fehlt an Geschichten, die es ermöglichen, unseren Platz in der Welt zu finden und in ihr zu handeln. Wir fühlen uns nicht mehr in der Lage, die Welt in ihrer gesamten Komplexität zu verstehen und mündig in ihr zu agieren.

Das folk-politische Denken ist eine Reaktion auf diese Ohnmacht. Folk-Politik reagiert auf die zunehmende Komplexität der Welt, indem sie diese Komplexität selbst zum Gegner erklärt. Sie sagt: Wir müssen die Komplexität der Welt wieder auf ein Niveau herunterbrechen, welches es uns erlaubt, sie wieder zu verstehen und effektiv in ihr zu handeln.

Jenseits der Folk-Politik

Dieser Einschätzung müssen wir jedoch vehement widersprechen. Die Herausforderungen unserer Zeit verlangen von uns, dass wir global und koordiniert handeln. Der Klimawandel etwa. Oder auch unsere Forderung nach einem vernünftigen und gerechten Wirtschaftssystem. All das bleibt ohne einen hohen Grad technischer, wissenschaftlicher und vor allem auch gesellschaftlicher Entwicklung unrealisierbar.

Rioter

Sich für eine folk-politische Denkweise zu entscheiden bedeutet also auch, sich für eine Niederlage zu entscheiden. Und in unserer gegenwärtigen Situation bedeutet Niederlage, sich mit einer globalen Klimakatastrophe zufrieden zu geben. Diese Implikation wird von den meisten Menschen, die nicht in einem linken Umfeld sozialisiert wurden, auch sofort erkannt. Für Außenstehende ist Folk-Politik deshalb kaum überzeugend: Wer steht schon gerne auf der Seite der Verlierer?

Wir glauben jedoch nicht, dass das linke Projekt zum Scheitern verurteilt ist. Wir sind fest davon überzeugt, dass eine andere Zukunft möglich ist. Und eben deshalb müssen wir unsere Taktiken und Strategien ändern.

Unsere Aufgabe muss es sein, linke Politik zu modernisieren. Dies erfordert die Konfrontation mit der Komplexität. Deshalb müssen wir neue Wege finden, um unsere komplexe Welt zu navigieren. Unser Projekt darf kein Projekt der Flucht sein. Stattdessen müssen wir darum kämpfen, der Situation, in der wir uns befinden, gerecht zu werden. Um mit Folk-Politik zu brechen, brauchen wir eine Prometheische Politik der Zukunft.


  1. Srnicek, N., & Williams, A. (2016). Die Zukunft erfinden: Postkapitalismus und eine Welt ohne Arbeit. (T. Atzert, Übers.) (1. Auflage). Berlin: Edition TIAMAT. 

  2. Unter präfigurativer Politik versteht man den Versuch, bereits im Hier und Jetzt die angestrebte, zukünftige Gesellschaft wiederzuspiegeln. 

  3. So etwa beim Mindestlohn: https://www.welt.de/newsticker/dpa_nt/infoline_nt/wirtschaft_nt/article172966652/Studie-Mindestlohn-wird-oft-nicht-gezahlt.html 

  4. Sharzer, G. (2012). No local: Why Small-Scale Alternatives Won’t Change the World. Winchester: Zero Books. 



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