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Is the OK sign fascist now?

Published in Theory on 05.04.2019


von Leon

Im Zuge eines faschistischen Terroranschlages auf eine Moschee in Neuseeland wurden kürzlich 49 Menschen ermordet, 48 weitere kamen teils schwer verletzt ins Krankenhaus. Vier Menschen wurden bisher von der Polizei festgenommen, einer von ihnen wegen Mordverdachts. Eine weitere schreckliche Gewalttat in einer Reihe von vielen. Besonders daran ist nicht nur, dass der mutmaßliche Haupttäter ein rechter Faschist ist. Unmittelbar vor der Tat rief er Subscribe to PewDiePie. Während seines Auftauchens vor Gericht zeigte er das OK-Zeichen wie man es zum Beispiel von TaucherInnen kennt.

Unerwarteterweise gibt der Täter mit diesen zufällig wirkenden Gesten seinem Fall eine kulturelle Dimension und offenbart damit einen erschreckenden Unterschied zwischen FaschistInnen und der liberalen, aber auch Teilen der sozialistischen Linken. Um diesen Unterschied zu verstehen, muss man sich des kulturellen Kontextes bewusst sein, in dessen Rahmen der Konflikt zwischen rechts und links ausgetragen wird.

Linke Hegemonie vs. rechte Netzkultur

Eine der ersten pop-kulturellen Beobachtungen, die man hierbei machen kann, ist das Aufstreben einer postmodernen, postmaterialistischen Linken, welche in innerlinken Diskursen bereits eine Hegemonie erlangte. In ihren institutionalisierten Formen strebt sie danach, eine gesamtgesellschaftliche Diskurshegemonie zu erreichen. Sie war in der Lage, den Feminismus wieder zu einem zentralen gesellschaftlichen Thema zu machen. Sie machte auch Sprache zum zentralen Diskursgegenstand. Diese Linke wird verkörpert durch junge, urbane AkademikerInnen und KosmopolitInnen und dringt bis in liberal-elitäre Zirkel der Politik vor. Dadurch verknüpft sie sich innerhalb des Gesamtdiskurses unmittelbar mit dem sogenannten Establishment.

PewDiePie 2015 / camknows via Wikimedia

Demgegenüber steht eine rechte Internetkultur, die sich in den letzten fünfzehn Jahren entwickelt hat und in der Lage war, sich mit bestehenden rechtsradikalen Kräften zu verbünden. Insbesondere im rechten Spektrum ist die Reaktion auf Political Correctness als Eintreten für freie Meinungsäußerung getarnt. Dazu dienen etwa Witze, welche bewusst Grenzen überschreiten und verschieben wollen – bei denen aber immer glaubhaft bestritten werden kann, dass sie tiefere Rückschlüsse auf die Gesinnung der Scherzenden zuließen.

In diesem politischen Biom entfaltet sich ein Mechanismus, der von Rechten bewusst genutzt wird, um die Grenze des Sagbaren möglichst weit nach rechts zu schieben. Ein Beispiel dafür bietet ein medial wirksamer Skandal um den YouTuber PewDiePie. Der Schwede nutzte die Onlineplattform Fiverr, deren Geschäftsprinzip darin besteht, den Kauf und Verkauf sogenannter Gigs, also Minijobs, zu organisieren, um zwei Männer aus Indien anzuheuern. Diese sollten ein Schild mit der Aufschrift Death to all Jews hochhalten. PewDiePie behauptete, es habe sich um einen Scherz gehandelt, der die Verrücktheit der modernen Welt und der Online-Services entlarven sollte. Die Reaktion der Linken und Liberalen, die sich vom Wall Street Journal bis zu linken Meme-Seiten auf Facebook zeigte, fiel prompt und hysterisch aus. PewDiePie wurde als Faschist und Mitglied der Alt-Right bezeichnet.

Es ist völlig klar, dass vernichtungsantisemitische Sprüche auch dann vehement kritisiert werden müssen, wenn sie als Witz bezeichnet werden. Jedoch muss auch erkannt werden, dass die empörte Reaktion der Linksliberalen rechten IdeologInnen de facto in die Hände spielte. Für Mitglieder der politisch ungebildeten Internetcommunity erschien der vermeintliche Spaßvogel PewDiePie als Opfer einer humorlosen und autoritären Clique, einer politisch korrekten Inquisition. Die neue Rechte hatte angesichts der heiß laufenden Empörungsmaschinerie die perfekte Gelegenheit, das Narrativ der linken Gedankenpolizei massenwirksam zu verbreiten. Die ganze Affäre verlieh der Alt-Right eine Glaubwürdigkeit, welche sie dazu nutzen konnte, ihre menschenfeindlichen Ansichten einem jungen Publikum zugänglich zu machen.

Die Rechte hält das Stöckchen – und die Linke springt

Kann man es den Neuen Rechten verdenken, wenn sie ihre Taktik auf die Spitze treiben, wenn sie das Stöckchen, über das die Linke springen soll, immer höher hält? Der Trick funktioniert leider sehr gut. Im Fall des Christchurch-Anschlags entfalten sich die gleichen Mechanismen: Das OK-Zeichen, welches vom Täter genutzt wurde, ist ein Erkennungszeichen innerhalb der Neurechten. PewDiePie ist der zweiterfolgreichste YouTuber der Welt, der geschmacklose Witze zum Besten gab. Doch das ist nicht der Punkt. Viel schlimmer ist es, dass die neue Rechte bereits einen derart großen Einfluss im Bereich der Netzkultur besitzt, dass PewDiePie ihr bereits mit seinem Twitter-Account – öffentlich einsehbar – folgt. Wenn die Linke ihren Fokus auf das OK-Zeichen und auf PewDiePie setzt, analysiert sie bloß Symptome eines entscheidenden Kräfteungleichgewichts, ohne sich diesen Ungleichgewichts bewusst zu sein. Daraus ergeben sich zwei Dinge.

Erstens: der beschriebene Mechanismus und das OK-Zeichen selbst sind nur insofern relevant, als dass sie genau jene Reaktion in Gang setzen, die die Rechte für ihre Rekrutierung braucht. Eine Analyse rechter Symbolik muss natürlich stattfinden, allerdings darf sie keine Formen annehmen, die dem Großteil der Bevölkerung nicht mehr vermittelbar sind. Das reflexhafte Zurschaustellen der Empörung ist ein strategischer Fehler.

Zweitens: Dass PewDiePie FaschistInnen auf Twitter folgt, zeigt nicht zwangsläufig, dass er ein Faschist ist. Aber er ist mindestens eine Person in ihrem Einflussbereich. Das eigentlich Erschreckende ist: Neu-Rechte üben anscheinend einen so starken Einfluss auf die Internetkultur aus, dass bereits der bekannteste YouTuber sich innerhalb ihrer Einflusssphäre befindet. Für die Linke lässt sich ein vergleichbarer Einfluss leider nicht beobachten, auch wenn sich einige Akteure etablieren konnten, die linken Content in einer hochwertigen und unterhaltsamen Form präsentieren– hier seien etwa die YouTube-Channel ContraPoints oder Philosophy Tube genannt.

Gegenangriff statt Godwins Law

Der Schluss, der hieraus zu ziehen ist, sollte eindeutig sein: Die radikale Linke muss sich über ihre Rolle in diesem kulturellen Konflikt bewusst werden. Sie muss sich einen neuen Umgang mit neuen propagandistischen Taktiken der FaschistInnen überlegen. Sie muss ihr eigenes kulturelles Paradigma neu definieren und zum Gegenangriff ausholen, indem sie bestehende positive Tendenzen aufgreift und weiter ausbaut. Die neue Linke muss den Einfluss der neuen Rechten im Netz so schnell wie möglich übertreffen. Ausufernde Diskussionen über faschistische OK-Zeichen stehlen hierbei wertvolle Zeit.



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