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IO: Ein Universum zwischen Glaube und Politik

Veröffentlicht in Theorie am 08.02.2019


von Hendrik Erz

Seit dem 18. Januar steht auf dem Streamingportal Netflix ein brandneuer Film bereit: IO; die Handlung so einfach wie der Titel kurz. Es handelt sich gewissermaßen um ein Theaterstück für eine Person, das mit ein paar Signifikanten des Klimawandels um sich wirft und und die ZuschauerInnen nach rund anderthalb Stunden schicker Bilder mit einer Vorstellung dessen zurücklässt, wie Star Trek hätte ausgehen können, wenn Gene Roddenberry keine Vorstellungskraft gehabt hätte. Die Handlung lässt sich in einem Satz zusammenfassen: Die Wissenschaftlerin Sam Walden wohnt einsam auf einem Berg und lebt den Traum eines jeden gesellschaftlichen Aussteigers, bis ihr Micah in einem Heliumballon einen Besuch abstattet und sie nach einigem Hin und Her dann doch auf der sterbenden Erde zurücklässt, um allein zum neuen Refugium der Menschheit — einer nicht näher spezifizierten Raumstation im Orbit des Jupitermondes Io — zu reisen.

Der Film trägt sich also nicht durch die Handlung; es passiert erstaunlich wenig. Vielmehr lebt der Film von einer gewissen Atmosphäre, die zwischen Existenzialismus und Naturalismus oszilliert. Er lässt sich auf mehrere Arten interpretieren: Ein Fokus ließe sich auf das Spannungsfeld legen, welches im Film klar mit einem einleitenden und abschließenden Zitat des amerikanischen Lyrikers T. S. Eliot benannt wird: We shall not cease from exploration, and the end of all of our exploring will be to arrive where we started and know the place for the first time. Das Zitat klingt bedeutungsschwanger, ergibt jedoch Sinn, sobald man sich vor Augen führt, dass Eliot ein zutiefst christlicher Literat war. Aus dieser Perspektive heraus lässt sich die Moral des Films wie folgt zusammenfassen: Eigentlich wollen wir gar nicht zu den Sternen, sondern für immer und ewig auf der Erde verweilen, denn letztlich führen alle Wege immer wieder hierhin zurück. Die Erde nimmt in der Lesart des Films also gewissermaßen das ein, was für Eliot noch Gott war — Mutter Erde.

Nun fällt der Film jedoch grundsätzlich nicht durch Glauben auf, sondern vielmehr durch einen exzessiven biologischen Fokus und ein Vertrauen auf die wissenschaftliche Methode. Wie passt ein christlicher Literat hier hinein? Meine Vermutung ist, dass mit Eliot die Brücke geschlagen werden soll zwischen der aktuellen gesellschaftlichen Hoffnungslosigkeit, die mittlerweile sogar wissenschaftlich nachweisbar ist, und der Frage nach dem Wie geht es weiter? In Ermangelung einer Handlung war die Entscheidung, was es an dem Film konstruktiv zu kritisieren gibt, relativ einfach: eine vor Gottesfurcht triefende Metapher.

Messianismus als Ideologie

Postapokalyptische Filme haben seit einigen Jahren Konjunktur. Ihre Moral lässt sich fast immer mit einem der wichtigsten medienwissenschaftlichen Zitate der letzten Dekaden zusammenfassen: Es ist einfacher, sich das Ende der Welt vorzustellen, als das Ende des Kapitalismus.1 Berühmt geworden ist das Zitat erst viele Jahre nach der Veröffentlichung von Postmodernism durch den britischen Kulturwissenschaftler Mark Fisher, welcher in Capitalist Realism mit diesem Zitat die Moral des Films Children of Men beschreibt.2 Das Zitat beschreibt die Tendenz von Filmemachern, als einzigen Ausweg aus dem Kapitalismus die Zerstörung des gesamten Planeten vorzuschlagen. IO macht hier keine Ausnahme, auch wenn der Kapitalismus selbst mehr wie ein ideologischer Herrensignifikant3 über der ganzen Story schwebt, als tatsächlich benannt zu werden.

Doch ist diese offenkundige Abwesenheit des Kapitalismus als Letzterklärung der Klimakatastrophe der Punkt, an dem eine Analyse von IO erst anfängt, spannend zu werden. Nicht der Kapitalismus trägt Schuld an der Zerstörung der Welt, sondern der Mensch sui generis. Anders gesagt: Wir hätten den Kapitalismus nicht gebraucht, um die Erde gegen die Wand zu fahren. Und von dieser Erkenntnis an scheint die Verwendung eines Eliot-Zitates auch wieder völlig sinnvoll. Der Film ist von einer eschatologischen Botschaft durchzogen und die verwendeten Sets stellen, der Vorstellung der Beteiligten entsprechend, die Erde nach dem jüngsten Gericht dar.

Das plausibilisiert die beinahe schon exzessiv verwendeten Referenzen auf biologische und naturwissenschaftliche Erkenntnisse. Immer wieder wird die Möglichkeit genetischer Adaption an die toxische Atmosphäre referenziert; das Bienensterben wird in einem bedeutungsschwangeren Cut mit einer neu geschlüpften Bienenkönigin positiv gewendet, und am Körper der Protagonistin lassen sich mehrere Tätowierungen von biologischen Formeln erkennen. Es soll wohl deutlich werden, dass selbst die Wissenschaft an dem unvermeidlichen Schicksal der Erde nichts zu ändern vermag. Und hier sind wir, wie es ein bekannter slowenischer Philosoph und Soziologe sagen würde, right in the middle of ideology.

Durch die starke Verknüpfung von Wissenschaft und Messianismus4 wird ein interessanter Punkt deutlich: Wissenschaft ist immer auf die Vergangenheit gerichtet, der Messianismus dagegen auf die Zukunft. Die wissenschaftliche Methode beschäftigt sich per Definition immer mit der Vergangenheit. Eine HistorikerIn kann nur bereits Geschehenes zu einem Narrativ verflechten. Eine PolitikwissenschaftlerIn kann nur bereits bestehende politische Systeme analysieren und eine SoziologIn nur bereits etablierte gesellschaftliche Normen beschreiben. Eine MessianistIn wiederum beschreibt in seinen apokalyptischen Endzeitvorstellungen immer eine Zukunft, etwas das noch kommen wird. Es geht bei der Vorstellung eines jüngsten Gerichts niemals um die Vergangenheit oder Gegenwart, denn solange die menschliche Gesellschaft noch funktioniert, lässt sich schwer von endzeitlichen Zuständen sprechen.5

Wissenschaft als Steigbügelhalter christlicher Weltuntergangsvorstellungen

Die meisten postapokalyptischen Zustände bedienen sich derartiger messianischer Vorstellungen und gehen einen Schritt weiter, indem sie darstellen, wie die Welt nach besagtem jüngsten Gericht aussehen würde. Das ist denn auch ein deutliches Zeichen für die Naturalisierung kapitalistischer Produktionsweisen: Wir können uns gar nicht mehr vorstellen, dass es zu Privateigentum und Lohnarbeit Alternativen geben könne. Und wenn wir mit den aktuellen gesellschaftlichen Zuständen unzufrieden sind, flüchten wir uns entweder in Interpassivität und nutzen postapokalyptische Filme wie Christen den sonntäglichen Kirchgang. Oder aber wir flüchten uns in individualistische Folk-Politik, um uns zumindest das Gefühl zu geben, etwas getan zu haben. Ein moderner Ablasshandel für all jene, die sich vor einem jüngsten Gericht mehr fürchten als vor einem Untergang der planetaren Biosphäre.

Wissenschaft wird in dieser messianischen Lesart zu etwas, das nicht Grundlage von Entscheidungen werden kann, sondern in einer Art umgekehrter Psychologie neu gedeutet wird als die Antwort auf die Frage, wie denn "Gottes Plan” nun wirklich aussieht. Durch messianische Perspektiven auf die Wissenschaft also wird diese vom Versuch, die Welt zu verstehen, zu einer reinen Archäologie der Existenz Gottes.

Prometheische Politik als Alternative zum Messianismus

Doch es gibt eine andere Art, den Klimawandel und den drohenden Kollaps unserer Biosphäre zu deuten: Politik. Und im Zusammenhang mit dem Narrativ aus Messianismus und Wissenschaft lässt sich wesentlich präziser beschreiben, was Politik eigentlich ist, als mit den gängigen Definitionen. Denn Politik beschränkt sich natürlich nicht auf Wahlen, Vereinsarbeit und Lobbyismus. Politische Handlungen können im Kleinsten stattfinden. Politik ist aktivistisch. Politik beschränkt sich nicht darauf,einen nicht näher bestimmbaren Plan Gottes zu referenzieren, sondern bestimmt die Zukunft durch praktische Intervention. Während der Messianismus zu Passivität verleitet und uns dazu bringt, still abzuwarten, wie sich der Plan Gottes -- der siebte Zyklus der Weltzeitalter6 -- entfaltet, verhilft uns politisches Denken zu Aktivität. Wir warten nicht darauf, dass Katastrophen von planetaren Ausmaßen über uns hereinbrechen, sondern gestalten die Zukunft selbstständig.

Politik ist zukunftsorientiert, das hat sie mit dem Messianismus gemeinsam. In ihr geht es um die Frage, was sein wird. Und genau wie der moderne Messianismus bedient sich auch Politik der Wissenschaft und akzeptiert, dass diese nur bis gestern funktionieren kann; dass also ab heute ein anderes Prinzip in die Zukunft verweisen muss. Aber anders als beim Messianismus wird die Wissenschaft nicht zu einer rückwärtsgerichteten Verständnishilfe für einen übernatürlichen Plan, sondern zu etwas, das nicht nur bereits beschrittene Wege verifiziert, sondern auch Möglichkeiten für bestimmte zukünftige Wege offeriert, die durch Politik dann ausgebaut werden müssen.

Der Messianismus lässt sich darstellen wie eine Fahrt mit einem Zug, der eine fest vorgegebene Schienenstrecke abfährt. Wir sitzen entgegen der Fahrtrichtung und die Wissenschaftler leuchten die Strecke hinter uns mit Taschenlampen ab. Im Nachhinein ergibt jede Kurve, die wir genommen haben, Sinn. Was vor uns liegt können wir dagegen nicht sehen. Irgendwann stoßen wir dann auf die Wand, die sich das jüngste Gericht nennt, und alles ist vorbei.

Politik wiederum bewegt sich auf einem Trampelpfad. Wir kundschaften das Dickicht vor uns aus und errichten notdürftig Wege, welche die Wissenschaftler, die wir im Schlepptau haben, dann zu Straßen ausbauen. Das Dickicht ist prinzipiell endlos und unsere Aufgabe als PolitikerInnen ist es, die besten Wege durch dieses Dickicht zu finden und dabei auftauchenden Problemen entsprechend zu begegnen. Das ist es, was Politik — wenn sie dazu noch eine Zukunftsvision verfolgt — zu prometheischer Politik macht. Sie leuchtet das Dickicht vor uns aus.

Fortschritt als naiver Gottesglaube

Kehren wir zurück zum Film. Schauen wir in diesem Licht auf die Handlung von IO zurück, ließe sich interpretieren, dass die Erforschung der Sterne, also der wissenschaftliche Fortschritt, der notwendig ist, um überhaupt Raumstationen zu errichten, für den Film etwas Negatives ist, eine Entfremdung der menschlichen Spezies an sich von der Erde. Ins Bild passt hierzu auch die Bezeichnung für die Übersiedlung der Menschen von der Erde in den Orbit des Jupitermonds Io: Projekt Exodus. In biblischem Ausmaß wird hier eine eigentlich spannende Erkundungsmission zu einem sinnlosen Unterfangen, da wir diese Erkundung nicht aus eigenem, aktiven Antrieb vornehmen, sondern passiv zusehen müssen, wie uns die Welt dazu zwingt, diese Erkundungsmission zu beginnen. Dies wird auch in einem Zitat relativ am Anfang des Films deutlich: To me it was just our planet desperately trying to survive by kicking us out.

Im Rahmen des Filmes ist der technische Fortschritt kein Mittel des kreativen und aktiven Eingriffs in das Universum, sondern nur eine Notfallmaßnahme, die das blanke Überleben der Menschheit sicherstellen soll. In einer kuriosen Wendung lassen sich diese gegenüberstehenden Konzepte des Messianismus und der Promethischen Politik dann gar auf die beiden Protagonisten übertragen: Micah ist hierbei der in Technik vertrauende Messianist, der sich dem scheinbar von Gott gegebenen Schicksal ergibt und akzeptiert, dass die Menschheit auf der Welt nichts mehr verloren habe, während Sam an die Widerbringlichkeit von Leben auf der Welt glaubt und aktiv dafür kämpft, zahlreichen Spezies mittels genetischer Manipulation zu ermöglichen, in der feindlichen Atmosphäre zu überleben. Im Prinzip also eine krude, aber interessante Mischung aus Aussteigertum und Biohacking. Doch alles in allem transzendiert der Film in keinster Weise bereits heute gültige Kategorien und bietet keine alternative Erzählung der Zukunft an. Am Ende bleibt es dann doch nur Star Trek ohne Vorstellungskraft.


  1. Dieses Zitat stammt aus dem wichtigsten Aufsatz von Fredric Jameson, Postmodernism, or, The Cultural Logic of Late Capitalism, vgl. Jameson, Fredric. Postmodernism, or, The Cultural Logic of Late Capitalism. 2. Aufl. London: Verso, 1991. 

  2. Fisher, Mark. Kapitalistischer Realismus ohne Alternative? Übersetzt von Christian Werthschulte, Peter Scheiffele, und Johannes Springer. Hamburg: VSA, 2013. 

  3. Ein Herrensignifikant ist ein leerer Begriff, der an sich kaum etwas auszusagen vermag, wie Demokratie oder Kapital, aber auch We are the 99 Percent oder Merkel muss weg

  4. Messianismus beschreibt den Glauben daran, dass der von der jeweiligen Religion postulierte Prophet — Jesus oder Mohammed beispielsweise — zum Zeitpunkt des jüngsten Gerichts wieder auf die Erde zurück kommt und die Menschheit nach ihrem Verhalten beurteilt. 

  5. In Zusammenhang hiermit lässt sich auf ein interessantes islamistisches Narrativ verweisen, das diese Aussage scheinbar zuwiderlaufen zu scheint: Der salafistisch-jihadistische Islam spricht in regelmäßigen Abständen von einem Zeitalter der jahiliyyah. Dabiq, die Propagandazeitschrift des Islamischen Staats, spricht stets davon, wir würden uns derzeit im Zeitalter der jahiliyyah befinden, einer Zeit voll Chaos und ohne den rechten Weg. Es ist also sehr wohl möglich, messianische Vorstellungen an die Jetztzeit anzulegen und somit politische Attentate zu rechtfertigen. Für eine genauere Auseinandersetzung mit diesem Konzept vgl. Khatab, Sayed. The Political Thought of Sayyid Qutb: The Theory of Jahiliyyah. Routledge studies in political Islam 2. London ; New York: Routledge, 2006. 

  6. Laut dem frühmittelalterlichen Denker Isidor von Sevilla verläuft die Weltgeschichte in Form von sieben sogenannten Weltzeitaltern. Jedes dauere tausend Jahre, und wir befinden uns ihm zufolge noch heute in diesem siebten Weltzeitalter, in welchem die Welt untergehen würde. Diese eschatologische Vorstellung prägte das europäische Mittelalter stark, und viele Menschen gingen jahrhundertelang davon aus, schon morgen könne das jüngste Gericht über sie hereinbrechen. 



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