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A Catastrophe in Real Time

Published in Theory on 18.01.2019


von Jochen Becker

Im Zusammenhang mit dem Klimawandel auf das Schicksal 'der Kinder' aufmerksam zu machen, ist in der heutigen Aufmerksamkeitsökonomie derart verbraucht, dass schon die Satire darüber alt ist.1 Zudem ist die Annahme falsch, dass unter den Effekten des Klimawandels erst kommende Generationen zu leiden hätten.

Dieser Artikel schildert die Auswirkungen des Klimawandels auf eine andere Bevölkerungsgruppe, die bereits heute unter dem Klimawandel leidet: KlimaforscherInnen. Laut der Psychologin Lise van Susteren, die viel mit diesen ForscherInnen zusammenarbeitet, leiden diese im besonderen Maße an einer Art prä-traumatischer Belastungsstörung2. Was ist unter dieser Diagnose zu verstehen?

Viele von van Susterens PatientInnen litten unter Wut, Panik, [und] obsessiv-intrusiven Gedanken. Vor dem Hintergrund einer existentiellen Furcht, die sich bereits in der Bevölkerung ausbreitet, ist dies schon verständlicher. Diese Furcht kann derart tief gehen, dass sie eine Lösung des Problems sogar noch erschwert.3 Diese Verzweiflung erzeugt nicht nur bei KlimaexpertInnen Depressionen, Ohnmachtsgefühle und eine tödliche Passivität. Wer sich intensiver mit dem Klimawandel auseinandersetzt, bei dem setze ein, was als ultimative Sorgen bekannt seien: Fragen über Endlichkeit, Verantwortung, Leiden, Bedeutungslosigkeit und Tod.

Pro Grad Celsius Temperaturanstieg ließ sich gar eine Zunahme an Selbstmorden um 0,7 Prozent in den USA und 2,1 Prozent in Mexiko verzeichnen.4

Die Leiden der jungen WissenschaftlerInnen

In diesem Licht ist es wenig erstaunlich, dass bei einer auf das eigene Befinden gerichteten Umfrage unter KlimawissenschaftlerInnen Antworten wie die folgende gegeben wurden: Es ist sehr schwierig, sich nicht vollkommen überwältigt zu fühlen von der Größe des Problems, und deprimiert von der Apathie, die der größte Teil der Weltbevölkerung scheinbar hat. Erstaunlich ist vielmehr, dass in einem ähnlichen Verhältnis auch folgende Antworten von den KlimaforscherInnen geäußert wurden: Ich bin zuversichtlich, dass wir die Emissionen verringern werden, um die globale Erwärmung auf ein Tempo zu verlangsamen, an das wir uns (größtenteils) anpassen können.5

Windrad

Wer sich wissenschaftlich mit dem Klimawandel befasst, ist auch oft den negativen Reaktionen von Mitmenschen ausgesetzt. Das geht zwar nicht in jedem Fall so weit wie bei Michael Mann, der nach einer Aussage im US-Kongress denunziert wurde, Morddrohungen bekam, des Betrugs bezichtigt wurde, per Post weißes Pulver zugeschickt bekam, dem darüber hinaus gesagt wurde, dass er und seine Familie es verdiene, erschossen, gevierteilt und an die Schweine verfüttert zu werden oder auch auf den elektrischen Stuhl zu kommen und der nicht zuletzt mit einer Anklage seitens eines Senatskomitees bedroht wurde.6 Trotzdem ist öffentliche Verleugnung des Klimawandels, wie sie etwa von der AfD betrieben wird, äußerst schädlich für die körperliche Gesundheit aller und die geistige Gesundheit von KlimaforscherInnen.

Was lässt sich also tun — außer Selbstverständlichkeiten, wie ihnen keine Todesdrohungen zu schicken —, um diesen Menschen ihr Leiden zu erleichtern? In vorbildlicher Art und Weise nahmen sich etwa die 16.000 bzw. 20.000 Menschen, die am 1. Dezember vergangenen Jahres in Berlin bzw. Köln für den Kohleausstieg demonstrierten7, den Sorgen ihrer Mitmenschen mit Immatrikulationshintergrund an.

Aussichten und Auswege

Denn auch, wenn sich Deutschland gerne als Vorreiter in Sachen Klimaschutz aufspielt – so weit kann es damit nicht her sein, wenn sogar das Handelsblatt beklagt, dass der CO2-Rückgang zum Stillstand kam, obwohl grüne Technologie doch die Wirtschaft voranbringen könne.8 Wenn also nicht einmal mehr der Geruch zukünftiger Profite die Spürnase der Politik aus dem Hinterteil der Energieriesen und Automobilfirmen befreien kann, sollten einfache Menschen schon aus reinem Selbsterhaltungstrieb etwas nachhelfen. Und immerhin finden sich laut aktuellen repräsentativen Umfragen deutliche Mehrheiten für eine baldige Stilllegung der deutschen Kohlekraftwerke (59 %), die Erstellung eines Fahrplans für den Kohleausstieg (72 %) und die Ergreifung von Maßnahmen, um die Ziele zur Begrenzung der Treibhausgase bis 2020 doch noch zu erreichen (73 %).9 Auch in aktuellen Debatten gibt es saftige Mehrheiten etwa gegen die Rodung des Hambacher Forstes, wo der Energiekonzern RWE Braunkohle abbauen will.10

Die Chancen, die sich der Menschheit in Zukunft eröffnen, reichen über die deutliche Verzögerung von Alterung und Tod bis hin zu einem vollautomatisierten Luxuskommunismus – wenn nicht vorher die Grundlagen der Zivilisation zusammenbrechen.

Kohle-Trucks

Wenn ihr euch also unsicher oder deprimiert fühlt, ist das verständlich. Auch den Profis geht das so. Aber: Ihr seid nicht allein. Und wenn ihr mal etwas für euch tun wollt, dann geht doch mal wieder demonstrieren. Niemand hat ja die Absicht, euch gleich dazu aufzurufen, die Zufahrtswege von Kohlekraftwerken zu besetzen, Sabotage zu begehen oder Ähnliches. Eine einfache Demonstration kann schon Wunder für eure geistige Gesundheit bewirken. Die KlimawissenschaftlerInnen können dann vielleicht auch wieder besser schlafen. Und wer weiß: vielleicht kommt man, dem Seelenhaushalt zuliebe, auf den Geschmack nach mehr.


  1. Alligatoah(2015): Denk an die Kinder (Official Video) - https://www.youtube.com/watch?v=IHUNjVAU08w

  2. Vgl. John H. Richardson (2018): When The End Of Civilization Is Your Dayjob, in: Esquire, 20th of July 2018 - https://www.esquire.com/news-politics/a36228/ballad-of-the-sad-climatologists-0815/  

  3. Emily Green (2017): The Existential Dread of Climate Change. How Despair about our changing climate may get in the way of fixing it, in: Psychology Today, 13th of October 2017 - https://www.psychologytoday.com/us/blog/there-is-always-another-part/201710/the-existential-dread-climate-change

  4. Marshall Burke u.a.: Higher temperatures increase suicide rates in the United States and Mexico, in: Nature Cimate Change - https://www.nature.com/articles/s41558-018-0222-x.epdf

  5. Joe Duggan (2017): Is This How You Feel?, in: https://www.isthishowyoufeel.com/this-is-how-scientists-feel.html

  6. John H. Richardson (2018): When The End Of Civilization Is Your Dayjob, in: Esquire, 20th of July 2018 - https://www.esquire.com/news-politics/a36228/ballad-of-the-sad-climatologists-0815/

  7. Zeit Online (2018): Anti-Kohle Demos. „Das ist ein Protest gegen das Versagen der Bundesregierung“, 01. Dezember 2018 - https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2018-12/berlin-koeln-demonstration-kohleausstieg-klimaschutz

  8. Silke Kersting, Klaus Stratman (2018): Die Öko-Lüge – Wie Deutschland seine Vorreiterrolle beim Klimaschutz verspielt, in: Handelsblatt, 18.10.2018 - https://www.handelsblatt.com/politik/deutschland/energiewende-die-oeko-luege-wie-deutschland-seine-vorreiterrolle-beim-klimaschutz-verspielt/23192396.html?ticket=ST-2850014-YBdRJyuhKgiVEjNuidDS-ap5

  9. Kantar Emnid (2018): Repräsentative Umfrage im Auftrag des Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND): https://www.bund.net/fileadmin/user_upload_bund/publikationen/klimawandel/klimaschutz_und_kohleausstieg.pdf

  10. Verena Kern (2018): Bundesbürger gegen Rodung, in: klimareporter, 20. September 2018 - https://www.klimareporter.de/protest/bundesbuerger-gegen-rodung



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