Grundlagen einer postkapitalistischen Ökonomie

Die kapitalistische Marktwirtschaft ist ein chaotischer Prozess, bei dem einzelne Unternehmen ohne eine gemeinsame Planung gegeneinander konkurrieren. Neben der durch den Kapitalismus hervorgebrachten ungleichen Verteilung von Wohlstand führt die mangelnde wirtschaftliche Koordination zu Krisen, Ineffizienz und der Zerstörung der Umwelt. Einzelne Unternehmen streben lediglich nach individuellem Profit, die Bedürfnisse und Interessen der Menschen werden, sofern sie dem Profitmotiv zuwider laufen, völlig ignoriert. Während wir uns anderswo genauer mit der Analyse des Kapitalismus beschäftigt haben, wollen wir uns nun der Frage nach einer alternativen Organisation der Wirtschaft widmen. Sozialdemokratische, anarchistische und kommunistische Bewegungen der Vergangenheit haben den Sozialismus immer nur als abstraktes, “ganz anderes” und gerechteres Wirtschaftssystem in Aussicht gestellt – wir von der ADH wollen dagegen demonstrieren, wie ein solcher Sozialismus in der Praxis funktionieren kann, ohne dabei wirtschaftliche Ineffizienz und leere Regale zu produzieren.

Im Gegensatz zum Kapitalismus soll wirtschaftliche Tätigkeit in der von uns angestrebten sozialistischen Gemeinwirtschaft durch einen allgemeinen, koordinierten und rational strukturierten Plan auf die Bedürfnisse der Menschen hin orientiert werden. Für die Erfassung der dafür relevanten wirtschaftlichen Daten und die Erarbeitung des am besten geeigneten Plans sollen zeitgemäße Kommunikations- und Datenverarbeitungstechnologien verwendet werden.

Systemische Grundlagen

Die Gemeinwirtschaft zeichnet sich durch eine gesamtgesellschaftlichen Kontrolle der produktiven Ressourcen, ihres Einsatzes und ihrer Erträge aus. Das ist ihre Definition und ihr Wesen. Die Produktion und andere Bereiche wirtschaftlicher Tätigkeit werden durch Institutionen der Gesellschaft organisiert, die unter demokratischer Kontrolle stehen. Solange, wie die Entwicklungen der Robotik und der künstlichen Intelligenz noch nicht die vollständige Automatisierung jeder Arbeit ermöglichen, sind wir auch in einem postkapitalistischen Wirtschaftssystem darauf angewiesen, dass die Menschen ihren Beitrag zur Produktion des gesellschaftlichen Reichtums leisten. Als Gegenleistung für ihre Arbeit erhalten Individuen Zugang zu einem Anteil an der gesellschaftlichen Produktion, etwa in Form von Gütern für den privaten Verbrauch oder durch öffentliche Einrichtungen und Dienste.

Eine gemeinschaftlich organisierte Ökonomie muss nicht zur Einschränkung individueller Entscheidungsmöglichkeiten für die ArbeiterInnen führen. In einer nach unseren Vorstellungen eingerichteten sozialistischen Wirtschaft sollen die Individuen selbst darüber entscheiden können, wie sie zur gesellschaftlichen Produktion beitragen wollen und in welcher Form sie am produzierten Wohlstand teilhaben möchten. Die Aufgabe der gemeinschaftlichen Planung besteht lediglich darin, diese individuellen Bedürfnisse und Präferenzen zu einem gemeinsamen Plan zusammenzutragen und sicherzustellen, dass die Bedürfnisse Aller möglichst effektiv bedient werden.

Arbeit und Lohn

Der gemeinwirtschaftliche Sozialismus basiert, anders als die Marktwirtschaft, nicht auf dem Prinzip des Eigentums und Tauschwertes; daher kann es auch kein Geld geben, welches im Kapitalismus das universelle Tauschmittel darstellt. Es ist jedoch nicht sinnvoll, jedem Individuum völlig frei zu stellen, nach Belieben so viele Güter zu konsumieren, wie ihm die Laune steht; dies würde zu massiver Verschwendung führen. Daher schlagen wir die Einführung einer alternativen Einheit, welche wir “Credits” nennen, vor. Credits symbolisieren einen Anspruch auf einen bestimmten Anteil an gesellschaftlichem Wohlstand und können zur persönlichen Aneignung von Konsumgütern eingesetzt werden. Anders als Geld werden diese Credits jedoch nicht gegen diese Güter getauscht, sondern ähnlich wie ein Gutschein oder Theaterticket eingelöst und gelöscht. Die Gesellschaft stellt also eine bestimmte Anzahl an Credits aus und löscht diese wieder, sobald sie für entsprechende Konsumgüter aus der gesellschaftlichen Produktion eingelöst wurden. Für den Erwerb welcher Konsumgüter Individuen ihre Credits dabei verwenden, ist grundsätzlich ihrer individuellen Entscheidung überlassen.

Menschen, die zu alt, zu jung oder zu krank sind um zu arbeiten, sollten natürlich ohne weitere Konditionen Credits ausgestellt werden – es ist jedoch erforderlich, die Ausstellung von Credits für arbeitsfähige Menschen an die Bereitstellung ihrer Arbeitskraft zu knüpfen. Nur so kann jenseits utopischer Fantasien sichergestellt werden, dass die zur Herstellung des gesellschaftlichen Wohlstands notwendige Arbeit tatsächlich verrichtet und möglichst gleich unter allen Menschen aufgeteilt wird. Je mehr arbeitssparende Technologien eingesetzt werden können, desto weiter kann die Arbeitszeit der Menschen reduziert werden.

Um es den Menschen zu ermöglichen, ihren Beruf im Rahmen ihrer Fähigkeiten frei zu wählen, gleichzeitig aber sicherzustellen, dass alle zu erledigenden Aufgaben auch gemacht werden, ist es notwendig, Anreize zu schaffen – auch an sich weniger angenehme Tätigkeiten müssen attraktiv gemacht werden, damit sie überhaupt erledigt werden. Dafür ist es nicht unbedingt notwendig, einen höheren Anteil am materiellen gesellschaftlichen Wohlstand in Aussicht zu stellen. Statt dessen können die Arbeitszeiten für unbeliebte Tätigkeiten verkürzt werden, um die entsprechende Berufswahl attraktiver zu gestalten. Ist die Anzahl der notwendigen Arbeitsstunden bezüglich einer zu verrichtenden Tätigkeit bekannt, so muss die insgesamt notwendigen Arbeitszeit ( S ) gleich hoch sein, wie die Arbeitszeit pro ArbeiterIn ( t ) multipliziert mit der Anzahl der ArbeiterInnen ( n ), welche diese Tätigkeit verrichten: S = × n

Es lässt sich nachweisen, dass durch die Verringerung bzw. Erhöhung von t immer eine passende Lösung gefunden werden kann, denn wird t reduziert, so nimmt n zu und anders herum. Durch einen solchen, auf Zeit basierenden “Arbeitsmarkt” wird nicht nur sicher gestellt, dass notwendige Arbeiten erledigt werden, sondern auch, dass die Arbeitslast gerecht verteilt ist. Denn diese Last misst sich nicht nur durch die Länge der Arbeitszeit, sie wird ebenso durch die Art der verrichteten Tätigkeit bestimmt So kann es etwa sein, dass eine Person eine unangenehmere Tätigkeit als andere ausübt, als Ausgleich dafür aber weniger lange arbeiten muss.

Individueller Konsum

Im vorherigen Abschnitt haben wir die Idee der Credits eingeführt, welche gegen Konsumgüter für den individuellen Verbrauch eingelöst werden können. Es stellt sich nun die Frage nach den ”Preisen” der Konsumgüter. Wie viele Credits müssen für einen Apfel eingelöst werden? Wie viele für einen Computer? Intuitiv sollte der Computer sicherlich mehr kosten als der einzelne Apfel, da der Produktionsaufwand deutlich größer ist. Doch wie viel mehr? Da Preise, wie später erläutert wird, eine enorm wichtige Steuerungsfunktion innerhalb unseres Modells erfüllen, dürfen sie nicht zufällig bestimmt werden.

Zunächst kann festgestellt werden, dass die Summe der Preise aller für den individuellen Konsum bestimmten Gütern mit der Summe der für ihren Erwerb ausgestellten Credits identisch sein muss – ansonsten bleiben am Ende entweder Konsumgüter oder Credits ungebraucht übrig. Ist das Preisniveau zu hoch, so können potentielle KonsumentInnen sich nicht alle Güter leisten; einige Produkte werden grundlos verschwendet. Ist das Preisniveau aber zu niedrig, entstehen andere unnötige Probleme. Konsumentinnen haben dann mehr als ausreichend Credits, doch es gibt nicht genug Produkte um alle auszugeben – die Menschen würden, wie im sogenannten “Realsozialismus", vor leeren Regalen stehen. Die Credits würden damit ihre Funktion verlieren und die vorhandenen Produkte müssten durch ein anderes Prinzip, etwa durch Rationierung, verteilt werden.

Um solche Verschwendungen oder Knappheiten sowohl für Konsumgüter insgesamt, als auch für einzelne Konsumgüter, zu verhindern, sollte das Prinzip der Markträumungspreise verwendet werden. Der Markträumungspreis ist genau derjenige Preis, zu dem alle Güter eine KonsumentIn finden, und jede KonsumentIn, die bereit ist, das Produkt zu diesem Preis zu erwerben, auch die Gelegenheit dazu bekommt. Der Markträumungspreis sollte in einem dynamischen Prozess ständig neu ermittelt werden, indem stets das Level des Konsums mit dem Produktionsniveau und den Vorräten verglichen wird. Sollte festgestellt werden, dass sich die Regale für ein Produkt schneller leeren, als sie durch die momentane Produktion nachgefüllt werden können, so muss der Preis erhöht werden. Bleiben die Produkte jedoch in den Regalen liegen, so muss der Preis gesenkt werden, um einen Anreiz für den Konsum zu schaffen. Durch die Verwendung des Markträumungspreises wird sicher gestellt, dass alle Produkte an die KonsumentInnen gehen, die durch die Bereitschaft zur Zahlung eines bestimmten Preises das größte Interesse an dem Produkt verkünden. Anders als in der kapitalistischen Marktwirtschaft ist die Kaufkraft in der Gemeinwirtschaft (überwiegend) gleich verteilt. Daher kann im Sozialismus davon ausgegangen werden, dass die “Nachfrage” tatsächlich die Bedürfnisse der Menschen widerspiegelt. Bei einer ungleichen Verteilung von Kaufkraft ist es hingegen häufig der Fall, dass die Bedürfnisse bestimmter Menschen zwar dringend sind, jedoch überhaupt nicht berücksichtigt werden, da diese Menschen nur wenig oder gar kein Geld haben.

Anhand der Markträumungspreise lässt sich nun auch erkennen, ob die Produktion bestimmter Güter ausgeweitet oder zurückgeschraubt werden sollte. Sind auch zu einem sehr hohen Preis noch viele Menschen dazu bereit, ihre Credits für ein Produkt auszugeben, so signalisiert uns das, dass eine Ausweitung der Produktion sinnvoll ist. Sind die Preise sehr niedrig, so finden sich nicht genügend Leute, die zur Zahlung eines Preises bereit sind, der das derzeitige Produktionsniveau rechtfertigen würde. Ressourcen sollten lieber anderswo eingesetzt werden, oder die zur Herstellung notwendige Arbeit sollte eingespart werden, so dass die Arbeitszeit für alle Menschen reduziert werden kann. Es stellt sich hier jedoch die Frage wann ein Preis für ein Produkt “zu hoch” oder “zu niedrig” ist. Mit welchem Preis soll der Markträumungspreis also vergleichen werden, wenn festgestellt werden soll, ob das Produktionsniveau zu hoch oder zu niedrig ist? In der Terminologie der Kontrolltheorie nennen wir den Markträumungspreis den “Ist-Wert”, denn es handelt sich um denjenigen Wert, zu dem Produkte zu einem gegebenem Zeitpunkt tatsächlich abgegeben werden. Was wir noch nicht bestimmt haben, ist der “Soll-Wert”, also der Wert, zu dem hin die Markträumungspreise durch eine Anpassung des Produktionsniveaus reguliert werden sollen.

Der Soll-Wert muss sicherlich ein anderer für einen Computer als für einen Apfel sein. Der Grund dafür ist, dass die Herstellung eines Computers mehr Produktionskapazitäten in Anspruch nimmt als die eines einzelnen Apfels. Zum einen benötigen ein Computer und ein Apfel bei der Produktion unterschiedliche Mengen an Arbeitsaufwand. Zum anderen bedarf die Herstellung unterschiedlicher, limitiert vorhandener Ressourcen. Dazu gehören etwa begrenzte natürliche Ressourcen wie fruchtbares Land, aber auch Maschinen oder Komponenten, die zur Herstellung eine lange Zeit brauchen, deren Vorhandensein also vorläufig begrenzt ist. Auch bewusste Begrenzungen von bestimmten Produktionsverfahren, etwa aus Umweltgründen, müssen berücksichtigt werden. So sollten etwa Güter, deren Produktion zu CO2-Ausstoß führt, einen höheren Preis haben – auf diese Weise kann ein Anreiz für das Ausweichen auf andere, weniger umweltschädliche Güter geschaffen werden. Es gilt also, auf der Grundlage der bestehenden Produktionsumstände eine Größe zu bestimmen, die alle Faktoren, welche eine Ausdehnung der Produktion limitieren, angemessen widerspiegelt. Die Existenz und Berechenbarkeit einer solchen Größe nachzuweisen, gelang dem Mathematiker und Ökonom Leonid Kantorowitsch, dem für seinen Beitrag zur mathematischen Ökonomie 1975 der Wirtschaftsnobelpreis verliehen wurde. Die objektiv bestimmten Werte hängen eng mit dem optimalen Plan für die Produktion zusammen und werden daher an späterer Stelle genauer erläutert.

Hier sei lediglich gesagt, dass die objektiv bestimmten Werte als “Soll-Wert” dienen können. Dadurch werden die Preise von Produkten so reguliert, dass solche, die mehr Arbeitsaufwand zu Herstellung benötigen, mehr begrenzte Ressourcen verwenden und mehr zur Umweltverschmutzung beitragen, auch mehr kosten. Der Konsum dieser Produkte wird damit auf diejenigen Fälle begrenzt, in denen der Nutzen am größten ist. Nur dann ist der mit der Produktion verbundene Aufwand und Ressourcenverbrauch gerechtfertigt. VerbraucherInnen werden also dazu angeregt, auf Produkte umzusteigen, welche mit geringerem Ressourcenverbrauch verbunden sind.

Gemeinschaftlicher Konsum

Die von uns vorgeschlagene Skizze eines Wirtschaftsmodells zeichnet sich nicht nur durch gemeinschaftlich organisierte Produktion aus, sondern auch durch eine zentrale Rolle für den gemeinschaftlichen Konsum. Bisher haben wir uns vor allem mit individuellem Konsum beschäftigt. Doch in vielen Bereichen ergibt eine gemeinschaftliche Organisierung des Endverbrauchs aus ökonomischer, politischer oder ökologischer Sicht mehr Sinn. Kosten werden dabei von der Gemeinschaft getragen, während die Benutzung allen Mitgliedern der Gesellschaft frei steht bzw. der Zugang nach Bedarf erteilt wird. Es gibt diverse Bereiche, in denen ein solches Prinzip als sinnvoll erscheint: Öffentlicher Personennahverkehr, Gesundheitsversorgung, das Bildungswesen sowie der Zugang zu Kunst und beliebig reproduzierbaren digitalen Produkten. Damit solche Projekte möglich sind, dürfen die ausgestellten Credits nicht dem gesamten gesellschaftlichen Produkt entsprechen. Ein Teil muss von der Gesellschaft als eine Art Steuer einbehalten werden, so dass Ressourcen und Arbeitskraft für die gemeinsamen Ausgaben zur Verfügung stehen.

Wie viele Ressourcen dabei verschiedenen Bereichen zukommen, etwa dem Bildungswesen oder dem Gesundheitswesen, ist eine politische Entscheidung, die demokratisch getroffen werden muss. In einigen Fällen kann es jedoch Sinn ergeben, eine Entscheidung nicht durch einen Mehrheitsentschluss zu treffen, sondern im Verhältnis zum Interesse Mittel zur Verfügung zustellen. So könnte jeder Mensch einen bestimmte Betrag an Credits zur Verfügung haben, welche nicht für den persönlichen Konsum gedacht sind, sondern stattdessen von jeder Person einem gemeinschaftlichen Projekt ihrer Wahl zuordnet werden – es handelt sich um institutionalisiertes Crowdfunding. Sind in einem Gebiet etwa 60% der Leute Fußballfans, während 40% Wassersport bevorzugen, so würden nicht alle Mittel zur Unterstützung des Fußballs gehen. 40% der Leute würden ihre “öffentlichen” Credits zum Ausbau der öffentlichen Wassersportanlagen einsetzen, so dass die Bedürfnisse dieser Minderheit nicht ignoriert werden. Ob jemand seine öffentlichen Credits dabei für Fußballplätze oder für Wassersportanlagen designiert hat, ist dabei nicht entscheidend für den Zugang: Dieser wird selbstverständlich allen Personen gewährt.

Es gibt diverse Gründe, warum der Zugang zu bestimmten öffentlichen Anlagen und Diensten frei sein sollte. Ein Beispiel dafür ist die Versorgung von Kranken und Verletzten. Auch bezüglich des öffentlichen Personennahverkehrs gibt es ein öffentliches Interesse daran, dass die Menschen von Transportmitteln Gebrauch machen, welche Verkehrswege nicht unnötig verstopfen oder die Umwelt belasten. Ökonomisch betrachtet werden Anlagen und Dienste oftmals nicht voll ausgenutzt, so dass eine weitere Nutzung keine zusätzlichen Kosten verursacht. Wenn die Hälfte der Sitzplätze in einem Bus frei sind, ergibt es aus gesellschaftlicher Perspektive wenig Sinn, Menschen, die zur Zahlung eines Tickets nicht bereit sind, den Zugang zu dem Bus zu verweigern.

Besonders evident wird diese Sachlage im Fall von digitalen Produkten wie Software, Filmen und Musik. Hier gibt es keinerlei zusätzliche Kosten durch die Anzahl der Downloads. In den Wirtschaftswissenschaften spricht man davon, dass die Grenzkosten der Produktion gleich null sind. In einer Gemeinwirtschaft wäre es möglich, die Kosten für die ursprüngliche Herstellung dieser digitalen Produkte durch Crowdfunding zu tragen, und die Produkte danach frei zum Download zur Verfügung zu stellen. Dafür könnte ein Onlineportal in Anlehnung an die Seite Kickstarter eingerichtet werden. Auf diesem Portal könnten verschiedene Projekte vorgestellt werden, an die jede Person nach Belieben öffentliche Credits spenden könnte. Anders als bei Kickstarter wären Projekte dabei jedoch nicht auf freimütige Nettigkeit angewiesen: Ein bestimmter Betrag der Credits einer jeden Person sind ja von Anfang an nur für solche öffentlichen Projekte bestimmt. Das hier skizzierte Prinzip würde es KünstlerInnen und EntwicklerInnen ermöglichen, die notwendigen Ressourcen für ihre Projekte zu erhalten; gleichzeitig wäre das Endprodukt für alle frei zugänglich. Zudem wäre sichergestellt, dass die Ressourcen zur Herstellung solcher digitalen Produkte im Einklang mit dem Interesse der Menschen verteilt werden.

Rationale Wirtschaftsplanung in der Gemeinwirtschaft

Bisher haben wir uns hauptsächlich mit Konsumgütern beschäftigt. Ein signifikanter Anteil aller Produkte ist aber überhaupt nicht für den Konsum bestimmt, sondern für die Produktion anderer Produkte. Wir reden von Zwischenprodukten, Maschinen, Grundstoffen für die Weiterverarbeitung und so weiter. Hinter der Produktion von Konsumgütern, auf welche die Gemeinwirtschaft als bedürfnisorientierte Wirtschaft letztlich abzielt, steckt ein ganzes Netzwerk von Produktionsschritten. Viele Güter können in diesem komplexen Netz eine ganze Menge von Funktionen in der Herstellung verschiedenster Produkte einnehmen. Für manche Produkte gibt es mehr als eine Herstellungsmethode, und jede davon bedarf unterschiedlicher Maschinen oder Rohstoffe. Wie kann dieser komplexe, gesamtgesellschaftliche Produktionsprozess in der Abwesenheit von Geld und Markt organisiert werden?

Diverse Methoden aus der Input-Output-Ökonomie kommen in Frage, um die optimale Nutzung vorhandener Ressourcen zu berechnen. Die Input-Output-Ökonomie beschäftigt sich nicht lediglich mit den Geldwerten von Produkten, sondern mit den physischen Eingangsgrößen und Ausgaben des stofflichen Produktionsprozesses. Eine Methode, die für das Aufstellen eines Produktionsplans für die Gesamtwirtschaft in Frage kommt, ist die der (computergestützten) linearen Optimierung. Unter Berücksichtigung der notwendigen Inputs diverser möglicher Produktionsprozesse und verschiedener Randbedingungen (welche etwa das begrenzte Vorhandensein diverser Ressourcen darstellen) kann derjenige Produktionsplan berechnet werden, bei dem eine bestimmte Produktfunktion maximiert wird. Diese Produktfunktion beschreibt die Menge an Endprodukten, die nach dem berechneten Plan hergestellt werden. Verschiedene Endprodukte werden dabei zu bestimmten, festgelegten Proportionen hergestellt. So kann eine Vorgabe etwa darin bestehen, dass vier mal so viele Stühle wie Tische hergestellt werden sollen. Der optimale Plan ist nun derjenige, der zu diesen Proportionen maximal viel produziert.

Einem optimalen Produktionsplan entsprechen objektiv bestimmte Werte für alle Artikel, Ressourcen und Produkte. Die objektiv bestimmten Werte sind so definiert, dass jedes Unternehmen seinen “Profit", also den Wertunterschied zwischen Produktionsoutput und verwendeten Inputs bei Einhaltung des optimalen Planes maximiert. Diese Werte spiegeln also wieder, inwiefern diverse Produkte und Ressourcen eine Begrenzung der Ausweitung der Produktion darstellen. Entweder, weil sie besonders viel Arbeitskraft verkörpern, natürlich begrenzt sind oder aber durch Umweltauflagen bewusst begrenzt werden. Zum einen können die so generierten Werte als Soll-Werte für den oben beschriebenen Steuerungsmechanismus gebraucht werden, zum anderen dienen sie als Leitfaden für Ingenieure, ArchitektInnen und WirtschaftsverwalterInnen, die die Kosten eines Designs oder Wirtschaftsprozesses minimieren sollen.

Zu welchen Proportionen diverse Produkte produziert werden, kann sich dabei aus dem oben beschriebenen Preismechanismus ergeben. Ist das Verhältnis vom Markträumungspreis von Stühlen zu ihrem “Soll-Wert” größer als das bei Tischen, so müssen die Proportionen so angepasst werden, dass ein höherer Anteil an Stühlen hergestellt wird. Die Methode der linearen Optimierung stellt sicher, dass zu den so bestimmten Proportionen maximal viel produziert wird und die Produktionskapazitäten nicht ineffektiv verwendet werden. Sollte sich herausstellen, dass die Gesamtmenge an herstellbaren Produkten den Bedarf überschreitet, so können die Randbedingungen strikter gewählt werden. Dies könnte zum Beispiel heißen, dass strengere Umweltmaßnahmen eingeführt werden oder dass die gesellschaftliche Arbeitszeit stärker begrenzt wird, damit die Menschen mehr Freizeit haben.

Positionierung

Wir setzen uns für eine sozialistische Gemeinwirtschaft ein, in welcher ökonomische Prozesse rational und im Interesse der Menschen gesteuert werden. Dabei soll Arbeitsaufwand vermieden und materieller Wohlstand für alle garantiert werden. Der Einfluss wirtschaftlicher Aktivität wird nicht blind hingenommen, sondern unter bewusste, demokratische Kontrolle gestellt. Eine solche computergestützte sozialistische Ökonomie bringt, wie jede Form des menschlichen Zusammenlebens, diverse Probleme in den Bereichen der Verteilung und der Produktionsplanung mit sich. Die hier dargestellten Ansätze sollen Möglichkeiten aufzeigen, rational mit diesen Problemen umzugehen. Die hier vorgestellten Ideen sind nur eine grobe Blaupause – nur durch gemeinsame Diskussionen und kritische Auseinandersetzugen können derartige Konzepte weiter entwickelt werden.